Magersucht Anorexie - Anorexia nervosa tritt gehäuft im Alter von zehn bis 25 Jahren auf. - © Shutterstock

Wenn der Körper zum Feind wird...

Woran man Essstörungen erkennt und worin sich Bulimie, Anorexie, Binge-Eating und Orthorexia nervosa unterscheiden.

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Bereits im Jugendalter beginnt für viele der Kampf mit Magersucht, Bulimie, Binge-Eating und Co. Essstörungen sind schwerwiegende seelisch-körperliche Erkrankungen. Werden sie nicht rechtzeitig behandelt, begleiten sie viele Menschen oft ein Leben lang – mit erheblichen Schädigungen des Körpers, der Psyche und der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Ist das Essverhalten gestört, beeinträchtigt das sowohl das eigene Leben als auch die Beziehung zu anderen Menschen. Ein gestörtes Essverhalten ist noch keine Essstörung – es kann sich auch wieder normalisieren – es ist aber ein Warnsignal und sollte beobachtet werden.

Woran erkennt man gestörtes Essverhalten?

  • Das Essverhalten ist rigide: es wird übermäßig kontrolliert, zum Beispiel durch feste Zeiten, Pläne oder strikte Einteilung der Lebensmittel in erlaubte und verbotene Speisen.
  • Das Essverhalten ist chaotisch: Mahlzeiten werden „vergessen“, bzw. keine Zeit dafür eingeplant.
  • Das Essverhalten ist abwechselnd rigide und chaotisch.
  • Essen ist das wichtigste Mittel zur Stressbewältigung bzw. um mit Problemen fertig zu werden.
  • Essen ist stark stimmungsabhängig, zum Beispiel bei Anspannung oder Euphorie wird mehr oder weniger gegessen als sonst.
  • Essen ist stark gewichtsabhängig: Essen wird unter dem Aspekt der Gewichtskontrolle betrachtet. Bereits eine geringe Gewichtszunahme wird mit Angst und Gegenmaßnahmen begegnet.
  • Das Essverhalten kontrolliert die Gedanken.

Essstörungen sind immer Ausdruck seelischer Konflikte, niemals nur schlechte Angewohnheiten’

Aus einem gestörten Essverhalten kann sich eine Essstörung mit Krankheitswert entwickeln – vor allem dann, wenn die Betroffenen zusätzlich zu den oben erwähnten Warnsignalen auch eine gestörte Einstellung zu ihrem eigenen Körper entwickeln.

Die Zahl auf der Waage bestimmt das Wohlbefinden. Auch Konflikte oder Niedergeschlagenheit führen zu Selbstzweifel am eigenen Körper. Er wird zudem kritisch beobachtet und kontrolliert. Dazu gehören mehrmals tägliches Wiegen, das Abmessen von Armen, Beinen und Taille.

Es werden vor allem drei Hauptformen von Essstörungen unterschieden:

  • Magersucht (Anorexia nervosa)
  • Bulimie (Bulimia nervosa)
  • Binge-Eating-Störung (Fressanfälle)

Magersucht (Anorexia nervosa)

Anorexia nervosa tritt gehäuft im Alter zwischen 10 und 25 Jahren auf und betrifft zu 90 bis 95 Prozent Frauen. Laut Richtlinien liegt eine Magersucht vor, wenn das Körpergewicht mindestens 15 Prozent unter dem BMI von 17,5 liegt. Der Gewichtsverlust wurde selbst herbeigeführt durch Einschränkung der Nahrungsaufnahme, zum Beispiel durch Erbrechen, die Einnahme von Abführmitteln, übertriebene körperliche Aktivitäten oder den Gebrauch von Appetitzüglern. Die Angst, dick zu werden, ist tief verwurzelt, der eigene Körper wird meist als unförmig wahrgenommen (Körperschemastörung). Die Betroffenen legen eine sehr niedrige Gewichtsschwelle für sich selbst fest.

Die Krankheit kann zu einer endokrinen Störung führen. Das bedeutet, dass die Hormonproduktion verringert wird und bewirkt bei Frauen ein Aussetzen der Regelblutung, bei Männern den Verlust von sexuellem Verlangen und Potenz. Beginnt die Erkrankung vor der Pubertät, wird die Entwicklung verzögert oder gehemmt. Den Betroffenen ist ständig kalt (Untertemperatur) und sie haben einen niedrigen Blutdruck. Die Patienten haben zudem ein erhöhtes Risiko für Osteoporose.

Mangelndes Selbstwertgefühl und die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper gelten als Risikofaktoren für die Entwicklung einer Anorexia nervosa. Psychische Ursachen, aber auch Gewohnheiten in der Familie sowie biologische und gesellschaftliche Einflüsse spielen ebenfalls eine Rolle.

Bulimie (Bulimia nervosa)

Süßigkeiten Heißhunger Ernährung - © Shutterstock
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Zentrales Merkmal der Bulimie sind Heißhungerattacken, die von Betroffenen nicht mehr kontrolliert oder gesteuert werden können. Sie verspüren ein Verlangen nach Lebensmitteln, die ohne Lust am Essen gierig verschlungen werden. Das Gefühl für Hunger und Sättigung ist oft gestört bzw. verloren gegangen. Gleichzeitig besteht eine krankhafte Angst vor einer Gewichtszunahme. Aus dieser Furcht heraus kommt es zu selbst herbeigeführtem Erbrechen, Fasten, Missbrauch von abführenden Medikamenten oder exzessivem Sport.

Betroffene können leicht untergewichtig, normalgewichtig oder übergewichtig sein – man sieht ihnen die Erkrankung oft nicht an. Das bulimische Verhalten findet meist heimlich statt, und das Erbrechen wird als zunehmend beschämend erlebt. Viele Betroffene fühlen sich der Krankheit ohnmächtig ausgeliefert und ekeln sich vor sich selbst. Durch das ständige Erbrechen ist der Elektrolythaushalt gestört, die Speiseröhre erhält Risse, und es kommt zu Zahnschädigungen.

Binge-Eating-Störung (Essanfälle)

Von einer Binge-Eating-Störung spricht man, wenn regelmäßig Essanfälle auftreten. Im Unterschied zur Bulimie werden anschließend keine Gegenmaßnahmen wie Erbrechen, Fasten oder Medikamenteneinnahme ergriffen, um eine Gewichtszunahme zu verhindern. Diese Essanfälle machen sich bei Betroffenen auch auf der Waage bemerkbar: Sie sind übergewichtig oder adipös. Die Betroffenen spüren einen Kontrollverlust – sie können nicht mehr kontrollieren, was oder wie viel sie essen. Solche Essanfälle müssen mindestens einmal pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten hinweg auftreten, damit man von einer Binge-Eating-Störung sprechen kann.

Binge-Eating haftet das Vorurteil an, eine Essstörung mit geringem Krankheitswert und damit geringer Behandlungsbedürftigkeit zu sein – das ist jedoch falsch.

Auch diese Essstörung ist bedrohlich und hat unbehandelt ernste Folgen.

Neu: Orthorexia nervosa

Diese Essstörung wurde vom Mediziner Dr. Steve Bratman definiert und ist die jüngste unter den bisher bekannten Essstörungen. Laut Definition haben die Betroffenen den Zwang, sich gesund zu ernähren. Es besteht eine große Furcht vor Chemikalien, Fett und Zusatzstoffen, sodass Orthorektiker ihre Lebensmittelauswahl stark einschränken und zwanghaft nur „sichere“ Nahrungsmittel verzehren. Im Gegensatz zu Anorexia und Bulimia nervosa steht hier statt der Quantität eher die Qualität einer Speise im Vordergrund! Zu gesundheitlichen Schäden führt diese Essstörung im Normalfall nicht, jedoch ist das Verhalten als Zwang und somit als kritisch zu bewerten.