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Experten-Interview: Warum Impfen so wichtig ist

Sind Impfungen wirklich notwendig? Welche neuen Entwicklungen gibt es? Und was sagt der Impfplan 2019? Wir haben mit dem Leiter des Zentrums für Reisemedizin in Wien, Univ.-Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, gesprochen.

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Impfplan 2019:

Geimpfte sind im Regelfall vor der entsprechenden Krankheit geschützt. Zudem können Krankheiten, die nur von Mensch zu Mensch übertragen werden, wie Masern bei einer anhaltend hohen Durchimpfungsrate eliminiert werden.

Im Jänner wurde der neue „Impfplan Österreich 2019“ präsentiert – er enthält alle aktuellen, nationalen Impfempfehlungen. Es wurden zum Beispiel Präzisierungen von Impfintervallen und Impfschemata vorgenommen.

Die wichtigsten Neuerungen/Änderungen (Auszug):

  • Influenza: neue Empfehlungen entsprechend den zugelassenen Impfstoffen
  • HPV: nur mehr Gardasil 9 empfohlen
  • Meningokokken B: neues Impfschema für beide vorhandenen Impfstoffe
  • Pneumokokken: Konkretisierung von Wiederimpfungen, Impfempfehlungen für Personal Gesundheitswesen
  • Herpes Zoster: Zostavax wird nicht mehr empfohlen, Empfehlung von Shingrix

Den gesamten Impfplan finden Sie hier.

Einblick:

Fast jedes Jahr kommt es in den Herbst- und Wintermonaten zu einer Influenza-Epidemie. Dabei infizieren sich fünf bis 15 Prozent der Bevölkerung und viele erkranken tatsächlich. Säuglinge, Kleinkinder und Ältere ab 65 Jahren sind bei schweren Verläufen besonders gefährdet.

Interview

Kollaritsch Herwig - „Heute sind die Anforderungen an Impfstoffe schärfer als an jedes andere Medikament“, so Univ.-Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Leiter des Zentrums für Reisemedizin in Wien. - © Apoverlag
„Heute sind die Anforderungen an Impfstoffe schärfer als an jedes andere Medikament“, so Univ.-Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Leiter des Zentrums für Reisemedizin in Wien. © Apoverlag

DA: Die Influenza-Impfung („Grippe-Impfung“) wird immer wieder wegen ihrer zu geringen Wirksamkeit kritisiert. Warum wirkt diese Impfung nicht immer? Und ist mit neuen effektiveren Impfstoffen in den nächsten Jahren zu rechnen?

Dr. Herwig Kollaritsch: Das Influenza-Virus ist ein extrem wandlungsfähiges Virus. Bei jeder Generation von Influenza-Viren passieren Fehler bei der Erbgutablesung. Das Virus kann seine biologischen Eigenschaften ändern, anders gesagt: Es kann sein Aussehen für unser Immunsystem ändern. Das wäre an sich ja noch nicht so tragisch, aber das Problem ist, dass die Impfstoffhersteller natürlich zeitgerecht die infrage-kommenden Virusstämme brauchen, um einen Impfstoff zu produzieren – das muss üblicherweise zu Jahresbeginn sein. Die Virusstämme werden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sozusagen ausgesucht und an die pharmazeutische Industrie übergeben. Aus diesen Informationen wird ein Impfstoff produziert. Nun hat aber das Virus neun Monate Zeit zu zirkulieren und sich zu verändern. Leider passt das dann oft nicht mehr mit der Information zusammen, die die Industrie bekommen hat, um einen Impfstoff daraus herzustellen. Das bedeutet nicht, dass der Impfstoff schlecht ist. Der wirkt sehr gut – aber manchmal leider nicht gegen das, was zirkuliert.

Natürlich wird an Impfstoffen gearbeitet, die dieses Manko nicht haben. Das sind Impfstoffe, die nicht auf den beiden klassischen Virusbestandteilen Hämagglutinin und Neuraminindase basieren, sondern auf Antigenen, die in allen Influenzaviren vorkommen und die wir als hochkonservierte Antigene bezeichnen. Diese Bestandteile verändern sich nicht und kommen bei jedem Influenzavirus vor. Der Weg dorthin ist ein sehr steiniger, und wir sind derzeit noch nicht in der Lage, abzuschätzen, wann es wirklich entsprechende Impfstoffe geben wird.

Erwachsenen ab dem vollendeten 50. Lebensjahr wird empfohlen, sich gegen Pneumokokken impfen zu lassen. Ist diese teure Impfung wirklich effizient?

Die Werbung gaukelt den Patienten vor, es gäbe eine Impfung gegen Lungenentzündung. Das ist falsch. Ich kann nur gegen ein kleines Segment von Keimen, die eine Pneumonie verursachen, impfen. Das gehört klar kommuniziert. Jedoch ist die derzeitige Pneumokokken-Impfung das Einzige, was uns zur Verfügung steht. Bei Risikopatienten beispielsweise mit einer COPD oder Diabetes mellitus kann sie trotzdem lebensrettend sein. Diesen Patienten ist die Impfung unbedingt anzuraten. Die Influenza-Impfung hat gegenüber der der Pneumokokken-Impfung Priorität, da das Erkrankungsrisiko höher ist. Personen, die sich die Pneumokokken-Impfung nicht leisten wollen oder können, sollte auf alle Fälle die Influenza-Impfung empfohlen werden.

Welche Infektionskrankheiten erleben durch Nicht-Impfen eine Renaissance?

Mehr oder weniger alle. Natürlich, ganz seltene Exoten bleiben selten, aber wir sehen mehr Keuchhusten als früher, mehr Masern – um nur zwei Beispiele zu nennen. Von der Grippe brauchen wir gar nicht erst zu reden. Es gibt kein Land, wo sich so wenige Menschen gegen Grippe impfen lassen wie in Österreich. Es gibt schon einige Infektionskrankheiten, die wieder häufiger auftreten als noch vor zehn bis 15 Jahren.

Wie bewerten Sie die jüngsten Meldungen über neue Masern- Fälle?

Das ist leider nichts Neues. Seit einem Jahrzehnt erleben wir immer wieder Masern-Ausbrüche und das Problem ist, dass wir weiter damit rechnen müssen. Die Akzeptanz der Masern-Impfung ist zu schlecht, um das Masern-Virus nachhaltig zu eliminieren. Damit werden wir weiter verletzbar bleiben. Es geht nicht alleine um die Impfgegner, es geht auch um die, die nicht geimpft werden können – Kinder, die Leukämie haben zum Beispiel, muss man bei der Gruppe der Ungeimpften miteinrechnen.

Kürzlich erst geisterte wieder ein Artikel mit dem Titel: „Pharmalüge aufgeflogen: Masern-Viren existieren nicht“ durch die Sozialen Medien. Was sagen Sie zu solch kuriosen Schlagzeilen?

Es gibt auch mehr als ein Dutzend Vereine auf der ganzen Welt, die fest der Überzeugung sind, dass die Erde eine Scheibe ist. Albert Einstein hat einmal etwas sehr Richtiges gesagt: „Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Mehr kann man dazu eigentlich nicht sagen. Wer einer vernünftigen Argumentation nicht zugänglich ist, den werden wir nicht erreichen. Ich bin aber absolut kein Verfechter der Impfpflicht. Ich glaube, dass das mehr Widerstand verursacht als es Nutzen bringt.

Wie man Menschen den Ernst der Lage näherbringen kann, hat eine TV-Werbung in Großbritannien gezeigt: Eine Mutter und ein Vater sitzen auf einer Bank im Krankenhaus. Ihr Sohn liegt auf der Intensivstation und wird beatmet. Dann wird gefragt: „Was ist passiert? War es ein Unfall, waren es Drogen?“ Die Auflösung: „Nein, es waren die Masern!“ Diese Werbung ist eingeschlagen – denn die Leute haben verstanden: Masern sind nicht lustig.

Wieso sind Sie gegen eine Impfpflicht?

Eine staatlich verordnete Zwangsmaßnahme würde nur die Fronten verhärten. Eine strukturierte Steuerung durch Anreizsysteme halte ich für den sinnvollsten Weg. Ohne Zwang aber mit sanftem Druck, der belohnt wird. Familien könnten so beispielsweise gewisse Vorteile erhalten, wie eine automatische Zuteilung von Kindergartenplätzen an geimpfte Kinder.

Was hat es mit den vermeintlichen Impfschäden auf sich?

Wir haben in Österreich etwas, das die meisten Länder nicht haben: ein Impfschadengesetz. Es ermöglicht jedem, der das Gefühl hat, einen Impfschaden erlitten zu haben, das in entsprechender Weise geltend zu machen. Das wird dann beurteilt und entsprechend abgehandelt. In Österreich sind wir im einstelligen Bereich, was die Impfschadensmeldungen pro Jahr betrifft – bei etwa drei Millionen Impfungen pro Jahr! Und auch davon wird der größte Teil nicht anerkannt, weil die Beschwerden nichts mit der Impfung zu tun haben. Impfschäden gab es vielleicht bei früheren Impfungen, zum Beispiel bei der Pocken-Impfung oder den ganz alten Tollwut-Impfungen. Diese Impfungen waren früher mit schweren Nebenwirkungen belastet. Aber man hat nichts Besseres gehabt und die zugehörigen Krankheiten waren furchtbar.

Heute sind die Anforderungen an Impfstoffe schärfer als an jedes andere Medikament. Es gibt keine Medikamente, die so rigiden Auflagen bei der Zulassung unterliegen, wie das bei Impfstoffen der Fall ist. Weil man sie ja Gesunden verabreicht – der zu Impfende ist völlig gesund und das soll auch so bleiben.

Mit welchen neuen Impfstoffen ist in den nächsten Jahren zu rechnen?

Es gibt ein paar Impfstoffe, die eigentlich schon zugelassen, aber noch nicht verfügbar sind. Zum einen, der neue Zoster-Impfstoff Shingrix. Ein fantastischer Impfstoff, der gegen Gürtelrose immunisiert. Er besitzt eine hervorragende Wirksamkeit und ist zudem inaktiviert, also auch sehr gut verträglich. Dann gibt es einen neuen Dengue-Impfstoff, der jetzt auch von der Europäischen Arzneimittelbehörde zugelassen, bei uns aber eher ein Nischendasein fristen wird. Auch sonst haben wir viele Baustellen, wo wir schon weitergekommen, aber noch nicht am Ziel sind. Bei dem HI-Virus treten wir leider noch auf der Stelle.

Bei tropischen Krankheiten arbeitet man derzeit an einem Impfstoff, der gegen alle durch Stechmücken übertragene Viren wirkt – nicht, indem er vor den Viren selbst schützt, sondern gegen den Speichel der Stechmücken und somit die Virusübertragung verhindert. Eine sehr elegante Methode. Aber der Zoster-Impfstoff war, was den breiten Markt betrifft, sicher einer der größten Erfolge der letzten Jahre.