Herzklopfen, aktivierte Schweißzellen, Müdigkeit, Hunger, Erregung. Hormone sind in so ziemlich jeden Prozess unseres Körpers involviert. Grund genug, sie sich einmal genauer anzusehen.

Artikel drucken

Hormone sind chemische Botenstoffe, die in verschiedenen Drüsen unseres Körpers gebildet werden. An Ihrem Halsansatz beispielsweise befindet sich ein kleines schmetterlingsförmiges Organ: die Schilddrüse. Hier werden u. a. die Hormone T3 und T4 hergestellt, die für Kreislauf, Stoffwechsel, Knochendichte und die Herz- und Gehirnentwicklung entscheidend sind. Und welche Drüsen gibt es noch?

Auf den Nieren sitzen die sogenannten Adrenaldrüsen. Hier entstehen sowohl Kortisol als auch Adrenalin. Die Bauchspeicheldrüse produziert fast „nur“ ein Hormon: das bekannte und lebenswichtige Insulin, dessen Hauptaufgabe es ist, Blutzucker in die Zellen transportieren. Und dann gibt es natürlich noch die Keimdrüsen, sprich Eier und Eierstöcke, die etwa das luteinisierende Hormon, Testosteron, Östrogen und Progesteron produzieren.

Auch unsere Gedärme, die Plazenta oder auch die Knochen können Hormone herstellen. Heute kennen wir ungefähr 150 verschiedene Hormone. Viele Experten und Expertinnen vermuten sogar, dass es mehr als 1.000 gibt. Hormone bilden die Schnittstelle zwischen unserem Denken und unserem Körper. Wie kleine Dirigenten geben sie Prozessen ihren Auftakt.

Ein Überblick über die prominentesten Vertreter (Auszug!) …

1. Östrogen: Das "Frauenhormon"

Östrogene sind weibliche Geschlechtshormone, die hauptsächlich in den Eierstöcken gebildet werden. Östrogen regelt – kurz zusammengefasst – den Menstruationszyklus. Unter seinem Einfluss reifen die befruchtungsfähigen Eizellen heran, wird der Eisprung ausgelöst und die Gebärmutter auf die Einnistung eines Embryos vorbereitet. In der Pubertät sorgt es für weibliche Rundungen und leitet die Geschlechtsreife ein. Früher dachte man, das sei alles. Dann bemerkte die Wissenschaft, dass hinter den Östrogenen noch viel mehr steckt. Östrogene haben Auswirkung auf die Stimmung und auf den Appetit. Sie beeinflussen auch verschiedene kognitive Fähigkeiten. Herz-Kreislauf-Erkrankungen können bei einem Mangel an Östrogen zunehmen, also durch die Wechseljahre. Bei Frauen steigt mit etwa 50 das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden. Außerdem kann ein Mangel zu depressiven Verstimmungen führen.

2. Testosteron: Das "Männerhormon"

testosterone_shutterstock_2096016781

Testosteron zählt zu den Steroidhormonen. Testosteron ist jedoch kein reines „Männerhormon“, auch Frauen bilden es. Seine Konzentration ist bei Männern jedoch etwa zehnmal so hoch wie bei Frauen. Bei Männern wird es vorwiegend in den Hoden produziert, bei Frauen in den Eierstöcken, der Plazenta und der Nebennierenrinde. In der Pubertät begünstigt Testosteron das Körperwachstum, die Scham- und Achselbehaarung und die Entwicklung der sexuellen Motivation. Testosteron lässt aber nicht nur Haare sprießen – es regt auch die Spermienbildung an und fördert die Zunahme von Muskelmasse und Muskelkraft. Außerdem hat es auch Einfluss auf die Psyche. Ab einem gewissen Alter sinkt der Testosteronspiegel wieder – die Wechseljahre des Mannes nennt man „Andropause“.

3. Vitamin D: Das "Sonnenhormon"

Ja, auch Vitamin D ist ein Hormon. Das sogenannte Calcitriol wird einerseits über die Nahrung (fettreiche Fische, Lebertran), andererseits durch ausreichend Tageslicht auf der Haut gebildet. Zwanzig Minuten am Tag auf Gesicht und Dekolleté reichen aus, damit es über längere Zeit gespeichert und die Bildung von Schilddrüsenhormonen gewährleistet wird. Vitamin D ist besonders wichtig für das Immunsystem und die Knochen. Mehr als der Hälfte der Menschen in Mitteleuropa leidet in den Wintermonaten an einem Vitamin-D-Mangel. Das schwächt nicht nur das Immunsystem, sondern kann andererseits auch zu einer Herbst-Winter-Depressionn führen.

4. Serotonin: Der "Glücklichmacher"

serotonin_shutterstock_2262388075

Serotonin ist für die Informationsübermittlung im Gehirn, aber auch im Verdauungstrakt zuständig. Denn Serotonin steuert auch dieses Nervensystem von der Speiseröhre bis zum Enddarm. Das sind mehr als 100 Millionen Nervenzellen. Deswegen nennt man es mittlerweile auch „Bauchhirn“. 95 Prozent der Serotoninvorräte des Körpers kommen aus dem Bauch. Serotonin steuert unsere Stimmung, ob wir uns gelassen und zufrieden fühlen oder ob wir gereizt sind. Es vermittelt die Empfindung von Schmerz, Stress, Hunger, Appetit und trägt zur Steuerung der Körpertemperatur, der Darmbewegung und der Muskulatur der Blutgefäße bei. Wer einen niedrigen Serotoninspiegel hat, kann daher zu mehr Gereiztheit, Wut oder Aggression neigen. Das Hormon kann also mit Einfluss haben auf Ent- und Anspannung, auf Verstopfung, Reizdarm, Durchfall oder auch den Schlaf – denn Serotonin wird nachts in Melatonin umgewandelt.

5. Melatonin: Das "Schlafhormon"

Melatonin wird in der Zirbeldrüse aus Serotonin hergestellt. Es steuert den Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen. Melatonin unterliegt – wie viele andere Hormone auch – rhythmischen Schwankungen. Licht hemmt die Bildung von Melatonin, Dunkelheit regt sie an. Nachts hat der junge Mensch etwa zwölfmal so viel Melatonin im Blut wie tagsüber, der ältere Mensch dreimal so viel. Jugendliche schlafen daher deutlich mehr als ältere Menschen. Tipp: Ein ganz kurzer „Powernap“ mitten am Tag macht wieder fit – zehn Minuten Schlaf und das Wachstumshormon Somatotropin läuft zu Hochtouren auf. Wenn man erwacht, erweckt es das Cortisol: Man ist wieder erfrischt für den restlichen Tag.

6. Cortisol: Das "Stresshormon"

cortisol_shutterstock_2266399603

Wenn der rechts erwähnte Stress anhält, regt das Noradrenalin das Cortisol an. Cortisol ist zuständig für die Erhöhung des Blutzuckerspiegels, damit dem Körper Energie zur Verfügung steht; es kann das Knochenwachstum, das Fettgewebe und den Eiweißstoffwechsel beeinflussen sowie Harndrang und Entzündungen hemmen. Cortisol unterliegt Tagesschwankungen: Am Morgen ist seine Konzentration im Körper am höchsten, damit der Mensch gestärkt in den Tag starten kann, im Laufe des Tages baut es sich ab. Bei anhaltend hohem Cortisol werden Wachstum, Verdauung, Stoffwechsel und Immunabwehr runtergefahren. Kennen Sie das auch? Sobald Erholung naht, Stichwort „Endlich Urlaub!“, wird man krank. Das liegt am abfallenden Cortisolspiegel.

7. Adrenalin: Der "Mobilisator"

Das lateinische „Ad-renal“ bedeutet: die Nebenniere betreffend. Die Nebennieren sind kleine, kappenförmige Hormondrüsen mit einem Gewicht von 15 Gramm, die auf den Nieren aufsitzen. Sie produzieren rund 50 verschiedene Hormone, und zwar im Nebennierenmark und in der Nebennierenrinde. Adrenalin, Noradrenalin und Steroidhormone werden hier z. B. gebildet. Adrenalin schüttet der Körper aus, wenn der Mensch in Gefahr oder im Stress ist. Dieser urzeitliche Reflex wird „Fight or flight“-Reaktion genannt. Dadurch steigen Blutdruck und Puls, der Atem beschleunigt sich. Die Bronchien weiten sich, damit das Gehirn mehr Sauerstoff bekommt. Rasch wird Energie bereitgestellt und alle Muskeln spannen sich an. In dieser Phase ist die Wahrnehmung von Schmerz, Hunger und Durst herabgesetzt. Kalter Schweiß soll den Körper kühlen. Der alarmbereite Mensch ist voll konzentriert, angespannt und hellwach, um die Gefahren- oder Stresssituation zu meistern. Lange hält der Körper eine solche Anspannung jedoch nicht aus – er braucht danach unbedingt eine Erholungsphase.

Buchtipp: Von Pubertät bis Wechseljahre

Die Journalistin Nataly Bleuel hat den Hormonen nachgespürt. Sie hat Frauen (aber auch Männer) aller Altersgruppen nach ihren Erfahrungen sowie Ärzte und Fachbücher zu den Fakten befragt: Welche Botenstoffe gibt es, wie funktionieren sie, wie wirken sie auf uns – und vor allem: Wie machen wir uns frei von dem, was ihnen kulturell und gesellschaftlich zugeschrieben wird?

Das sind die Hormone
von Nataly Bleuel
2020, C. Bertelsmann, € 12,99
ISBN: 978-3-641-23187-3
Erhältlich bei Buchaktuell in 1090 Wien
oder unter www.buchaktuell.at