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TCM – Jahrtausende alte Medizin

Wie funktioniert die Traditionelle Chinesische Medizin? Warum sind wir alle „Wei Bing“ und wie passen Heilkräuter und TCM zusammen?

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Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM, 中医) ist eine ganzheitliche und individuelle Medizin mit über 3.000 Jahren erstaunlich genau dokumentierter Geschichte. Es gab und gibt eine stetige Weiterentwicklung und Überlieferung dieses Wissens. Eine wichtige Rolle hatten auch die Palastärzte, die um die Kaiser versammelt waren. Sie haben kontinuierlich bis ins kleinste Detail und mit vielen Erläuterungen Rezepturen und Behandlungen dokumentiert.

Seit den 1980ern ist die TCM auch in Österreich eine anerkannte Behandlungsmethode. Noch nie war TCM in Österreich so beliebt wie in den letzten paar Jahren. Die Frage stellt sich, warum und wie eine so alte „Naturmedizin“ gerade in heutiger Zeit relevant sein kann?

Was ist die Philosophie hinter TCM?

Die TCM ist eine Naturheilmethode, die mit dem Kosmos, den Jahreszeiten und den persönlichen Gegebenheiten mitgeht und wieder in Balance bringt, wenn der Organismus diese verloren hat. Sie ist ein komplexes System, mit ihren Methoden flexibel und gleichzeitig individuell. Die TCM betrachtet den Menschen ganzheitlich und durch ihre verschiedenen Behandlungsmethoden ist für jeden etwas dabei.

Der Trend zur „Naturmedizin“ drückt aus, dass viele Menschen diese als rational, logisch, plausibel und nachvollziehbar erleben und ihren Wert anerkennen. Ein moderner rationaler Umgang mit dem alten Wissen der TCM zeigt, dass diese sehr wohl in der Prävention, in der Gesunderhaltung und auch als Therapie bei bestimmten Indikationen einen wichtigen Beitrag leisten kann.

„Wei Bing“ – weder krank noch gesund

Das moderne digitale Zeitalter mit seiner Schnelllebigkeit, ständigem Stress und den zunehmenden Umweltbelastungen, erlaubt es uns oft nicht, Krankheiten ordentlich in Ruhe auszukurieren. Dadurch geraten wir immer mehr in einen Zustand, der in der TCM „Wei Bing“ (未病) genannt wird. Ein Zustand, der weder als gesund noch als krank definiert und im Westen oft als „Subhealth“ bezeichnet wird.

Gerade dazu gibt es in der westlichen Medizin keine Behandlungsmethoden. Man ist nicht krank genug, dass medizinische Tests eine Krankheit feststellen, aber die Patientin fühlt sich dennoch geschwächt und nicht gesund. Immer mehr Menschen geraten auch in ein Burn-out oder dessen Vorstufen. Gerade für diese Menschen gibt es in der TCM viele Tipps und Behandlungsmethoden.

Die fünf Behandlungsmethoden

In der TCM gibt es fünf Behandlungsmethoden, die nicht nur einzeln, sondern oft gemeinsam eingesetzt werden, um eine vollkommene Genesung zu erreichen. Dadurch ist sie effektiv und kann sowohl präventiv als auch zur Ergänzung zur Schulmedizin eingesetzt werden. Diese Methoden sind:

1. Akupunktur und Moxibustion (针灸)
2. Arzneimittellehre (中药学)
3. Bewegungstherapie: Qi Gong und Tai Ji (气功 / 太极拳)
4. Massage (推拿按摩)
5. Ernährung (食疗)

1. Akupunktur

Die Akupunktur, die wohl bekannteste TCM-Heilmethode, hielt bereits in den 1950er-Jahren in Österreich Einzug, hat sich aber dann doch erst in den 1970er-Jahren im Westen durchgesetzt. Bei der Behandlung werden dünne, sterile Akupunkturnadeln aus Stahl in die Akupunkturpunkte gesetzt. Der Einstich ist kurz und nur leicht schmerzhaft. Wenn die Therapeutin auf den Akupunkturpunkt trifft, verspürt die Patientin ein Kribbeln oder man empfindet es als elektrisierend. Je nach Krankheitsbild werden die Nadeln auch zwischendurch drehend bewegt (Sedieren und Tonisieren) und bleiben auch unterschiedlich lange im Körper.

Das Akupunktieren bewirkt, dass der Qi (气 Lebensenergie)-Fluss befreit oder korrigiert wird und wieder harmonisch in den Meridianen fließen kann. Da die metallischen Nadeln auch elektrisch leiten, kann − als moderne Behandlungsmethode − auch zusätzlich Strom an den Nadeln befestigt werden, wodurch die Wirkung noch verstärkt wird.

TCM Moxibustion - © Shutterstock
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Bei der Moxibustion werden die Akupunktur-Punkte durch das Erwärmen von Moxazigarren, -kegeln oder -kugeln aus Beifuß (Ai Ye, 艾叶) stimuliert, dadurch gelangt Wärmeenergie in den Körper. Neue moderne Moxa-Zigarren aus Korea rauchen nicht und riechen auch nicht mehr so stark wie die herkömmlichen.

2. Die Arzneimitteltherapie

Seit mittlerweile fast 40 Jahren hat sich die TCM-Arzneimittellehre und -therapie in Österreich etabliert. Die Apotheken mit ihrem qualifizierten Fachpersonal übernehmen dabei eine zentrale Rolle in der Beratung. Es muss nicht nur das Rezept passen, auch die Anfertigung in der Apotheke und die Qualität der chinesischen Arzneimittel samt zugehöriger Information muss stimmen.

Die ca. 400 Arzneimittel, die in Österreich erhältlich sind, bestehen hauptsächlich aus Heilpflanzen, einige sind auch mineralischen oder tierischen Ursprungs. Die Apothekenware aus Österreich unterliegt strengen Auflagen und Kontrollen (Identität, Schadstoffbelastung). Vom Kauf von chinesischen Arzneimitteln zweifelhafter Herkunft, womöglich noch ohne Analysenzertifikat, soll ausnahmslos abgeraten werden.

Die österreichischen Importeure, TCM-Ärztinnen und auch die TCM-Apotheken distanzieren sich strikt von der Verwendung von Tieren oder Pflanzen, die unter Artenschutz stehen.

TCM Pulsdiagnostik - © Shutterstock
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Die TCM-Rezepturen sind komplex und werden von speziell ausgebildeten Ärztinnen individuell auf die Patientinnen − anhand von Befragung, Zungen- und Pulsdiagnostik − abgestimmt. Traditionell wird in der TCM ein „Dekokt“ angefertigt, das zweimal circa 40 Minuten lang gekocht werden sollte und über den Tag verteilt als Tee getrunken wird.

Granulat hierzulande beliebt

In Österreich hat sich eine weitere Zubereitungsform, das Granulat, weitgehend durchgesetzt, da es große praktische Vorteile hat. Ein Granulat ist ein gefriergetrocknetes Pulver, das sich schnell im heißen Wasser auflöst.
Auch in den Apotheken erhältlich sind hydrophile Konzentrate, Pulver und Verkapselungen der Granulate. Viele TCM-Apotheken bereiten auf Wunsch auch spezielle Anfertigungen wie zum Beispiel Kräutersalben und Sirupe zu.

Damit die Qualitätssicherung in diesem Feld gewährleistet ist, ist eine spezielle Ausbildung der damit befassten Pharmazeutinnen und PKAs notwendig. In den letzten fünf Jahren hat die WSTCM (Wiener Schule für TCM) über 100 Apothekenmitarbeiterinnen durch einen Speziallehrgang ausgebildet.

Heilkräuter und TCM? Passt das?

Ein neuerer Zweig in der Kräutermedizin ist die Integration von westlichen Arzneipflanzen und TCM – eine Strömung, die ursprünglich aus den Vereinigten Staaten kam und in Europa schnell Fuß gefasst hat. Einer der Hauptproponenten dieser integrativen Richtung ist Jeremy Ross.

Die Integration der westlichen traditionellen Phytotherapie mit der TCM und der modernen Forschung ist sehr sinnvoll, weil dies eine ganzheitliche, individuelle und effektive Phytotherapie in der Praxis ermöglicht.

Tees, Tinkturen, Liquid Extracts und Phytopräparate der westlichen Phytotherapie werden gemäß der Diagnostik und den Therapieprinzipien der TCM angewandt. Hier hat sich die enge Zusammenarbeit von Ärztinnen und Apothekerinnen sehr gut entwickelt.

3. Bewegungstherapie: Qi Gong und Tai Ji

Wenn man in China TCM studieren möchte, dann ist Qi Gong und/oder Tai Ji ein fester Bestandteil des Curriculums. Bei dieser Bewegungstherapie werden bestimmte Bewegungsabläufe wie zum Beispiel langsames Kong Fu mit Atemübungen kombiniert. Diese bewirken, dass der Körper sich gleichzeitig, stärkt, reinigt und entspannt. Dabei werden durch das Lenken von Qi Verspannungen und Stauungen gelöst, das Qi reguliert und Nerven und Muskeln vor allem in der Wirbelsäule gestärkt.

In China – und auch hierzulande– kann man am Morgen und am Abend Menschen, die zusammen Qi Gong und/oder Tai Ji im Park praktizieren, beobachten. So haben sich auch in Österreich Qi Gong und Tai Ji erfolgreich weiterentwickelt und viele neue Schulen sind entstanden.

4. Massage

TCM Schröpfmassage - © Shutterstock
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Diese Behandlungssäule beinhaltet nicht nur die Tuinamassage, sondern auch das Schröpfen und das Gua Sha (刮痧). Tuina (推拿) wirkt ähnlich wie Akupunktur, nur dass man durch unterschiedliche Massagetechniken wie zum Beispiel Kneten oder Klopfen versucht, die Blockaden zu lösen. Diese medizinische Massage ist für jedes Alter geeignet.

Durch den Schwimmer Michael Phelps bei den letzten Olympischen Spielen ist das Schröpfen sehr bekannt geworden. Beim Schröpfen werden kleine Gläser auf die Haut gesetzt, durch Feuer wird Unterdruck erzeugt und so lassen sich Verspannungen lösen und Schmerzen lindern. Zu sehen bleiben runde dunkle Kreise, die aber nach ein paar Tagen wieder verschwinden.

Eine der außergewöhnlichsten Massagetechniken ist das Gua Sha (wörtlich übersetzt „nach der Krankheit schaben“). Es ist eine Form der Reiztherapie. Durch das Schaben mit einem Schaber − meist aus Wasserbüffelhorn oder Jade − wird die Haut entlang der Meridiane gereizt, bis eine Hautrötung auftritt. Dadurch wird das Lymphsystem angeregt, die Schlacke aus dem Körper zu leiten. Gua Sha führt zur Stärkung des Immunsystems und zur Entspannung. Die Hautrötung, die ziemlich dunkel sein kann, hält meist ein bis vier Tage an. Sie ist nicht schmerzhaft.

Da diese Methoden in Österreich immer beliebter werden, haben sich in den letzten paar Jahren einige bekannte TCM-Massagestudios erfolgreich etabliert.

5. Ernährung

TCM Ernährung - © Shutterstock
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Die Ernährung macht laut der TCM 80 Prozent unserer Gesundheit aus. Die Ernährung nach den fünf Elementen ist auch in Österreich derzeit ein Trend, nicht nur bei den Ernährungsberaterinnen, sondern auch bei vielen Patientinnen. Essen muss jeder und das jeden Tag. Deswegen kann man täglich zu seiner Gesundheit etwas Positives beitragen.

Jedes Nahrungsmittel hat eine spezifische Wirkung im Körper und verbessert zusätzlich noch den Therapieerfolg anderer Methoden. Die 5-Elemente-Küche variiert nach den Jahreszeiten und bringt Ungleichgewichte wieder ins Gleichgewicht. Gleichgewicht bedeutet Wohlbefinden und Gesundheit.

Gastautorin: Jing Hu, MPharm BA

Sie ist seit 2010 im Bereich der TCM − derzeit in der TCM-Abteilung der Adler Apotheke in 1160 Wien − tätig und Initiatorin des Apothekenzirkels in der Wiener Schule für TCM. Jing Hu absolvierte weitere Ausbildungen wie TCM-Diagnostik und Arzneimitteltherapie an der Wiener Schule für TCM, eine Studienreise nach Fu-Zhou-Universität für TCM, Homöopathie und westliche Kräuter nach Jeremy Ross. Das Pharmaziestudium schloss sie an der School of Pharmacy, University College of London, ab und studierte Sinologie an der Universität Wien.