Homöopathie Stock - Homöopathische Arzneimittel werden aus Pflanzen, Pilzen, Mineralien, Metallen, aber auch aus Tieren wie der Honigbiene gewonnen. - © Shutterstock
Homöopathie

Interview: Der Streit um die Globuli

Die Homöopathie steht immer wieder im Kreuzfeuer. Nach jüngsten Entwicklungen – wie etwa die Streichung des Wahlfaches Homöopathie an der Med-Uni Wien – wird die Daseinsberechtigung der Homöopathie einmal mehr in Frage gestellt. Wir haben mit Dr. Erfried Pichler über die aktuelle Debatte gesprochen.

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Einblick:

Die Homöopathie ist eine komplementärmedizinische Behandlungsmethode, die auf den Forschungen des deutschen Arztes Samuel Hahnemann beruht. Eine seiner Grundannahmen ist das Ähnlichkeitsprinzip: „Ähnliches mit Ähnlichem heilen“.

Doch wer darf sich Homöopath nennen? Homöopathie darf in Österreich ausschließlich von Ärzten ausgeübt werden. Alle Homöopathen haben ein Medizinstudium absolviert, gefolgt von einer mehrjährigen Zusatzausbildung.

Interview

Erfried Pichler - Dr. Erfried Pichler ist Allgemeinmediziner und Konsiliararzt für Homöopathie an der Kinderonkologie im Klinikum Klagenfurt-Wörthersee. - © wdw
Dr. Erfried Pichler ist Allgemeinmediziner und Konsiliararzt für Homöopathie an der Kinderonkologie im Klinikum Klagenfurt-Wörthersee. © wdw

DA: In einer kürzlich erschienenen profil-Coverstory wird Homöopathie als „Pseudowissenschaft“, „mittelalterliche Hexenküche“ und „Aberglauben“ bezeichnet, die „bar jeder wissenschaftlichen Grundlage“ sei. Und nicht nur das, Patientenanwältin Sigrid Pilz fordert sogar ein Verkaufsverbot von Globuli in Apotheken. Was sagen Sie als Mediziner zu diesen Vorwürfen?

Dr. Erfried Pichler: Zur homöopathischen Medizin existieren ca. 4.000 Studien, die teilweise auch in Metaanalysen ausgewertet sind und beweisen, dass die homöopathische Medizin mehr bewirkt als Placebo. Über 200 Jahre existiert nun die Homöopathie und erfreut sich immer größerer Beliebtheit. So haben im Jahre 2017 ungefähr zwei Drittel aller Österreicher ein homöopathisches Medikament verwendet. In Europa behandeln ca. 45.000 Ärzte und alleine in Indien fast 300.000 Ärzte mit homöopathischer Medizin.

Weltweit werden täglich Millionen von Menschen mit homöopathischen Arzneien behandelt und laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Homöopathie die häufigste weltweit angewendete komplementärmedizinische Behandlungsmethode. In der Schweiz ist Homöopathie seit vorigem Jahr in der Pflichtversicherung verankert und in Deutschland wird sie vom größten Teil der Krankenversicherungen bezahlt. Wer diese Fakten nicht akzeptiert und diffamierend die Homöopathie bewertet, geht an der Realität vorbei.

Wie erklären Sie sich, dass es immer wieder hitzige Debatten zu diesem Thema gibt?

Diese Frage stelle ich mir auch sehr oft, kann sie aber nicht konkret beantworten. Auffallend ist jedoch, dass die selbsternannten Kritiker selten ein Basiswissen der Homöopathie aufweisen und meist keine Mediziner sind. Die Ärzte, Pharmazeuten, Veterinärmediziner, die sich mit der homöopathischen Medizin auseinandersetzen und sie verstehen, wissen, welche großartige Therapieergänzung diese darstellt. Viele dieser Kritiker berufen sich auf den Australischen Report, der im Auftrag der australischen Regierung 2015 erstellt wurde und beweisen sollte, dass die Studienlage in der Homöopathie zu deren Ungunsten sein solle.

Nach genauer Durchsicht ist aber aufgefallen, dass 176 homöopathische Studien evaluiert wurden und dabei ein positiver Effekt zugunsten der Homöopathie festgestellt wurde! Dieses Ergebnis wurde aber nicht veröffentlicht, sondern es wurden nach nicht nachvollziehbaren, zuvor noch nie angewendeten Ausschlusskriterien, nur fünf Studien herangezogen, die eine Wirkung der Homöopathie im Placebo-Niveau beweisen sollen. Diese Ungereimtheiten werden zurzeit untersucht. Möglicherweise liegt hier ein Grund vor, warum jetzt so massiv die Homöopathie diskreditiert wird, um die weitere Verbreitung und Wahrheitsfindung zum Australischen Report zu verhindern.

Aufgrund von „zahlreichen Beschwerden“ wurde das Wahlfach Homöopathie an der Med-Uni Wien mit Ende Oktober 2018 abgeschafft. Der Rektor der Med-Uni, Markus Müller, sagt, dass „Patienten ausschließlich nachvollziehbare und wissenschaftsbasierte Heilverfahren“ angeboten werden sollen. Ist die Homöopathie keine seriöse – weil nicht nachvollziehbare – Wissenschaft?

Dem muss ich vehement widersprechen. Ich kenne den Wissenstand in Bezug auf die Homöopathie von Rektor Müller nicht, daher kann ich seine Aussage nicht nachvollziehen. Faktum ist, dass Millionen von Patienten die lindernde oder heilende Wirkung ihrer Beschwerden durch Homöopathika erleben.

Genauso werden Haustiere und Nutztiere erfolgreich homöopathisch behandelt. Dabei ist eindeutig die Ursache-Wirkung-Beziehung zu erkennen. Das bedeutet, der Patient nimmt die homöopathische Arznei ein und diese bewirkt eine Linderung oder sogar Heilung seiner Beschwerden. Man muss nur diese Verläufe beobachten, um diese nachvollziehen zu können!

Die Wirksamkeit der Homöopathie wird oft auch damit begründet, dass sie bei Tieren funktioniere – Tiere können sich schließlich keine Wirkung einbilden. Kritiker entgegnen, dass die positive Stimmung des Menschen bei der Verabreichung dem Tier helfe. Ist dem so? Beruht Homöopathie in Wahrheit auf einem Placebo-Effekt?

Auch in diesem Punkt ist eine geschulte Beobachtungsgabe nützlich. Wenn eine homöopathische Arznei verabreicht wird und es tritt unmittelbar eine Veränderung ein, so besteht ein direkter Zusammenhang zu dieser. Hat sich der Tierhalter nicht schon bevor er einen Homöopathen aufgesucht hat, gewünscht, dass sein Tier gesund wird? Warum hat dieser Wunsch nicht genügt, sondern die Besserung ist erst nach Verabreichung der Arznei eingetreten?

Es gibt sogar Studien zur Anwendung von Homöopathika in der Massentierhaltung mit positiven Ergebnissen. Dabei von „Massensuggestion“ zu sprechen, entbehrt wohl jeder Rationalität.

Wie ist die Studienlage über die Wirksamkeit der Homöopathie – laut Autor des profil-Artikels hat sich die Wirksamkeit in 200 Jahren Forschung nicht belegen lassen?

Es ist schon kühn, dies zu behaupten. Es existieren – wie bereits erwähnt – ca. 4.000 Studien, von Grundlagenforschungen an Zellkulturen bis über veterinärmedizinische Studien, Versorgungsforschung und natürlich der Großteil über die Wirksamkeit an Patienten. Bei vielen dieser Studien kann eine über Placeboniveau liegende Wirksamkeit erkannt oder im Vergleich zur Schulmedizin eine ähnliche Wirkungsquote erzielt werden.

Der Nichthomöopath, Forscher und Intensivinternist Robert Hahn aus Schweden hat bei seinen Studienuntersuchungen festgestellt, dass 95 Prozent aller Studien außer Acht gelassen werden müssen, um von einer Placebowirkung sprechen zu können. Genau dies ist bei der Egger-Shang-Studie und beim Australischen Report eingetreten, wo von 176 Studien eben nur fünf zum Schluss geführt haben sollen, dass die Homöopathie nicht besser als Placebo wirkt.

Homöopathika gelten in Österreich seit 1983 als Arzneimittel. Was heißt das für den Kunden?

Das bedeutet eine permanente Qualitätssicherheit in der Herstellung, Lagerung, Transport und Abgabe durch geschulte Pharmazeuten. Dadurch können die Patienten beziehungsweise Kunden immer sicher sein, beste Qualität zu erhalten.

Wie erklären Sie Ihren Patienten die Wirkung der Homöopathie?

Die beste Erklärung ist das Erleben der positiven Wirkung vom Patienten selbst. Natürlich sind Beweise wie die über 200 Jahre an erfolgreicher Anwendung oder die Wirkung in der Veterinärmedizin, bei Babys oder Bewusstlosen ebenfalls ein Beweis für die Wirkung.

Wann ist ihr Einsatz sinnvoll?

Ein sinnloser Einsatz ist nur bei regulationsunfähigem Gewebe oder Individuen gegeben. Ich wende in meiner jahrzehntelangen Patientenbegleitung die Homöopathie oft als first-line-Therapie an – und dies danken mir die Patienten sehr.

Wo sind die Grenzen der Homöopathie?

Die Grenzen der homöopathischen Medizin liegen in der Möglichkeit der Regulationsfähigkeit des Organismus. Wenn die Zelle nicht mehr aktiv sein kann, kann sie durch Homöopathika nicht mehr angeregt werden. Das bedeutet, dass keine Substitution möglich ist (Insulin bei Diabetes mellitus Typ 1). Die Schulmedizin und die homöopathische Medizin sind komplementär. So können wiederkehrende Infekte bei Kindern homöopathisch sehr gut behandelt werden, ein Herzinfarkt ist mit der Schulmedizin zu behandeln. Bei onkologischen Erkrankungen ist ein gemeinsames, integratives Vorgehen von großem Vorteil.

Stichwort Onkologie: Sie arbeiten tagtäglich mit krebskranken Kindern – wie kann die Homöopathie diesen Patienten helfen?

Durch die wertvolle aber auch nebenwirkungsintensive Chemotherapie erleben die jungen Patienten viele unangenehme Situationen, sowohl körperlich als auch psychisch. Aggressionen oder Traurigkeit, Schmerzen und Veränderungen der Schleimhäute usw. können, in Ergänzung zur Schulmedizin, homöopathisch zusätzlich schneller gelindert oder zur Heilung gebracht werden.

Wenn dadurch die Wartezeiten, aufgrund von Nebenwirkungen zwischen den Chemotherapieblöcken, nicht verlängert werden müssen, ist dies ein großer Vorteil für die Patienten, da das Ansprechen der Onkologika dann viel besser ist.

Sind Ihnen besondere Erfolgsgeschichten in Erinnerung geblieben?

Es freut mich zu sagen, dass es viele sind, die mir aus der Vergangenheit oder Gegenwart einfallen. Besonders berührt hat mich am Beginn meiner Tätigkeit in der Kinderonkologie vor ungefähr 20 Jahren ein Bub, der wegen eines Augennerventumors austherapiert war und auf einem Auge nur mehr 1 Prozent und am anderen 10 Prozent Sehkraft hatte. Nicht nur für mich war es eine große Überraschung und Freude, als er nach wenigen Monaten homöopathischer Behandlung auf dem einen Auge 10 Prozent und am anderen 40 Prozent Sehleistung erreichte. Damit war er in der Lage, Straßenschilder zu lesen. Und da sind noch dieser Bub und jenes Mädchen und diese Frau und jener Mann... Ich bin sehr dankbar, dass mir die Homöopathie diese Therapieerweiterung geschenkt hat.